Aktuelle Debatten über künstliche Intelligenz und Translation werden häufig als Gegensatz zwischen Mensch und Maschine dargestellt. Diese Gegenüberstellung verdeckt jedoch grundlegendere Fragen nach Technik, Vermittlung, Handlungsmacht und den gesellschaftlichen Bedingungen translatorischer Praxis. Ausgehend von der Tradition der Kritischen Techniktheorie – von der Frankfurter Schule bis zu Andrew Feenberg – untersucht der Vortrag die Rolle von Technologie in der modernen Gesellschaft, um die Stellung der Übersetzerin und des Übersetzers im Zeitalter der KI neu zu denken.
Der Vortrag vertritt die These, dass Übersetzerinnen und Übersetzer niemals vollständig autonome Subjekte waren, die unabhängig von technischen und sozialen Bedingungen handeln. Translation war stets in komplexe Netzwerke technischer, institutioneller, kultureller und ökonomischer Vermittlung eingebettet. Aktuelle Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz stellen daher keinen radikalen Bruch dar, sondern können als Fortsetzung historischer Prozesse der Rationalisierung, Optimierung und Technisierung verstanden, werden. Vor diesem Hintergrund wird das Konzept der Nicht-Singularität vorgeschlagen. Der Vortrag bildet zugleich einen ersten Ausgangspunkt für die entstehende Critical Theory of Translation Technology Group (C3T Group), eine gemeinsame Forschungsinitiative zwischen Graz und Salamanca.
Ausgewählte Publikationen
De la Cruz Recio, M. (2025). Translation and critical theories of translation technology. In S. Baumgarten & K. Tieber (Eds.), The Routledge handbook of translation technology and society (pp. 100–112). Routledge.
-. (2024). Towards a protyposis-based semiotic theory of translation. In K. Marais (Ed.), The complexity of social-cultural emergence: Biosemiotics, semiotics and translation studies (pp. 12–31). John Benjamins.
-. (2019). On the multidimensional interpreter and a theory of possibility: Implementation of a complex methodology in interpreter training. In K. Marais (Ed.), Complex thinking in translation studies: Methodological considerations (pp. 73–103). Routledge.