Vom 27. bis 29. August 2026 fand an der Universität Lausanne die zweite Tagung des länderübergreifenden Forschungsprojekts „Post-Exil:Trans“ statt. Unter dem Titel „Übersetzen, verlegen, lizenzieren“ untersuchten 18 Beiträge, wie übersetzte Texte nach 1945 in den deutschsprachigen Literatur- und Verlagsbetrieb in Österreich, Deutschland und der Schweiz eingebunden waren und über welche transnationalen Netzwerke sie zirkulierten. Dabei rückten auch die Personen und Institutionen in den Blick, die diese Prozesse mitgestalteten: Verlage, Zeitschriften und Literaturagenturen ebenso wie Übersetzer:innen, die häufig zugleich als Vermittler:innen, Journalist:innen oder Verlagsmitarbeiter:innen tätig waren.
Mit der Erholung insbesondere des deutschen und österreichischen Verlagswesens nach 1945 gewann dieses Zusammenspiel zusätzlich an Gewicht. Verlage konnten wieder stärker am internationalen Buchmarkt teilnehmen und suchten vermehrt nach ausländischen Autor:innen und Texten für ihr Programm. Zugleich wurden Übersetzungs- und Publikationsrechte wichtiger. Um geeignete Titel zu finden, Rechte zu klären und Kontakte zu Autor:innen und Verlagen im Ausland herzustellen, benötigte es grenzüberschreitender Netzwerke. Literaturagenturen vermittelten zwischen Autor:innen und Verlagen, während Übersetzer:innen häufig selbst Bücher vorschlugen, Kontakte herstellten, nach Publikationsmöglichkeiten suchten oder an der Vermittlung von Rechten beteiligt waren. Exilerfahrungen prägen die transnationalen Verflechtungen: Viele der Beteiligten beherrschten mehrere Sprachen, kannten unterschiedliche Buchmärkte, verfügten über internationale Kontakte und waren mit verlegerischen, übersetzerischen und drucktechnischen Abläufen vertraut, wie etwa Pino Dietiker in seinem Beitrag zum Schweizer Verleger und Übersetzer Jakob Hegner zeigte.
Dabei wurde auch deutlich, dass sich Übersetzen in Post-Exil-Kontexten nicht immer als klar abgegrenzter Vorgang beschreiben lässt. Marina Rougemont zeigte am Beispiel von Fega Frischs Übersetzungen Michail Prischwins, dass mitunter direkt aus Manuskripten übersetzt wurde und eine deutsche Fassung noch vor dem später veröffentlichten Ausgangstext erscheinen konnte. Julia Richter machte am Beispiel von Hannah Arendt deutlich, dass in anderen Fällen mehrere sprachliche Fassungen oder frühere Textversionen zugrunde lagen, die beim Übersetzen verändert, ergänzt oder miteinander verbunden wurden. Dadurch konnten die Grenzen zwischen Übersetzen, Bearbeiten und eigenem Schreiben ebenso unscharf werden wie jene zwischen Autor:in und Übersetzer:in.
Auch das Jahr 1945 erwies sich nicht als eindeutige Zäsur. Mehrere Beiträge verwiesen darauf, dass Formen sprachlicher und kultureller Vermittlung, die bereits während des Krieges entstanden waren, zum Teil weiterbestanden. Verlage griffen auf Übersetzungen aus der Vorkriegs- und Exilzeit zurück und brachten sie in veränderter Form erneut in Umlauf; auch berufliche Beziehungen und Erfahrungen wirkten nach Kriegsende fort. Allerdings konnten nicht alle Akteur:innen gleichermaßen daran anknüpfen. Während bestehende Netzwerke, Erfahrungen und berufliche Positionen aus der Kriegs- und Besatzungszeit einzelnen Akteur:innen auch nach 1945 zugutekamen, war der Wiedereinstieg für viele Emigrant:innen und ehemalige Verfolgte wesentlich schwieriger.
Aus den Beiträgen ergeben sich zugleich weiterführende Fragen für die Erforschung von Translation im Post-Exil. Eine davon betrifft die Begriffe, mit denen Übersetzungsprozesse beschrieben werden können, wenn die Grenzen zwischen Übersetzen, Bearbeiten und eigenem Schreiben unscharf werden (vgl. Xiao Liu). Zum anderen stellt sich die methodische Frage, wie sich solche Prozesse überhaupt rekonstruieren lassen, wenn Quellen lückenhaft sind, Übersetzer:innen und Vermittler:innen oft nur punktuell sichtbar werden und sich ihre Tätigkeit über unterschiedliche Medien, Institutionen und berufliche Rollen verteilt (vgl. etwa Julija Boguna). Schließlich bleibt genauer zu untersuchen, für welche Formen der Übersetzung und Vermittlung das Jahr 1945 tatsächlich einen Einschnitt bedeutete und wo sich Praktiken, Netzwerke und berufliche Möglichkeiten über das Kriegsende hinaus fortsetzten (siehe z. B. die Beiträge von Larisa Schippel und Rafael Schögler).
Insgesamt zeigt sich, dass sich die Bedingungen des Übersetzens nach 1945 nicht einfach neu ordneten, sondern von Kontinuitäten aus der Vorkriegs- und Exilzeit ebenso geprägt waren wie von neuen politischen, wirtschaftlichen und institutionellen Voraussetzungen. „Post-Exil“ bezeichnet daher kein einheitliches „Danach“ des Exils, sondern einen Zusammenhang, in dem sich Übersetzungspraktiken, Texte, berufliche Rollen und Netzwerke unter veränderten Bedingungen neu zueinander verhielten.
Julia Kölbl